Der Papst im Flugzeug – von hinten gelesen

Quelle: Wikimedia, edited by QueerUp

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin a-kirche, a-religion. Aber was die religiösen Institutionen, bzw. ihre Vertreter, sagen, lässt mich nicht kalt, weil sie immer noch einen Grossteil der Gesellschaft(en) in der Welt – und damit indirekt auch mich – trotz der (mancherorts scheinbaren) Trennung von Kirche/Religion und Staat mitbeeinflussen.

In diesen Tagen wühlt ein Ausschnitt des Gesprächs des Papstes mit der Presse während seines Rückfluges nach seinem bewegten Besuch in Irland (mit viel weiterem Drum und Daran, das hier nicht unter die Lupe genommen werden soll), die LGBT+-Community auf. Noch genauer gesagt, geht es um die Aussage (in der Antwort), dass er Eltern von Kindern, die homosexuellen Neigungen erkennen liessen, aufforderte zu beten und psychiatrischen Rat zu suchen. (Der IDAHOT jeweils am 17. Mai erinnert übrigens an den Tag im Jahr 1990, an dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel für Krankheiten strich.)

Liest/hört frau/mann die Antwort von hinten nach vorne, dann ist Folgendes gesagt:

  • Homosexualität (der Kinder) ist eine Herausforderung für die Eltern (was „wir“ gerne auch vergessen).
  • Töchter und Söhne haben ein Anrecht auf eine Familie. Eltern sollen sie nicht verstossen.
  • Wenn die Eltern damit nicht zurechtkommen, sollen sie Rat suchen, immer im Dialog.
  • Eltern sollen das Gespräch suchen.
  • Du bist meine Tochter, mein Sohn, so wie du bist.
  • Sie ignorieren, ist eine Verletzung der Elternpflicht.
  • Schweigen ist keine Lösung.
  • Wenn sie aber älter sind, 20 oder so, liegt der Fall anders.
  • Möglichkeiten mit der Psychiatrie zu schauen, wie es sich verhält.
  • Wenn es Kinder sind.
  • Was er (der Papst) Eltern eines Kindes mit homosexuellen Neigungen sagen würde.

Florent Jouinot (Checkpoint Lausanne) und ich teilen die Ansicht, dass noch keine Papst sich gegenüber der Homosexualität so offen (ich füge an: wohlwollend) geäussert hat.

Aber es ist klar, dass sich zahlreiche Fragen (jetzt von vorne nach hinten) stellen:

  • Wofür sollen die Eltern beten? Dass ihr Kind nicht schwul oder lesbisch (oder LGBT+ im weitesten Sinn) ist? Für sich, um damit in positivem Sinn zurechtzukommen? Dass sie das Kind richtig begleiten können?
  • Wozu und für wen soll die psychiatrische Unterstützung gut sein, wenn Homosexualität doch gemäss WHO keine (Geistes-?)Krankheit ist? Für die Eltern? Für das Kind? Zur (versuchten) „Konversion“? Für wessen „Seelenheil“?
  • Wann ist das Kind kein Kind mehr (mit der Pubertät, mit Verlassen des Schutzalters, warum mit 20)?
  • Zu welchem Zweck sollen die Eltern das Gespräch suchen? Ist das Ziel des Gesprächs die Akzeptanz durch die Eltern?
  • In welchem Bereich würden die Ratschläge von LGBT+-Beratenden oder z. B. von FELS anders lauten?
  • Wie bringt der Kopf (der Papst) seine Haltung in den Körper (die Hierarchie) und die Glieder „Gläubigen“) seiner Institution? Werden sie (endlich) ihre Ablehnung ablegen?
  • Wie ändert sich dann die Einstufung der (umfänglich gelebten) gleichgeschlechtlichen Neigung im römisch-katholischen „Sündenregister“?
  • Welche (möglichst positiven) Wirkungen könnte diese „Botschaft“ auf die katholischen Traditionalisten, die Freikirchler und Bibel-Fundamentalisten, andere Religionen haben?
  • Und wie beeinflusst sie das Verständnis eines laizistischen Staates (in der Schweiz trotz der Anrufung des Allmächtigen in der Bundesverfassung)?

Deshalb meine ich (für mich), dass diese Antwort des „obersten weltlichen Hirten“ der römisch-katholischen Kirche mit Vorbehalten doch als eine zaghafte Entwicklung in Richtung unverkrampfterem Verhältnis zur Homosexualität zur Kenntnis genommen werden darf. Es ist zum Wohl von vielen römisch-katholischen LGB(T+)-Menschen.

(Ob ich gerade heute in des Papstes Haut im Verhältnis zur Kurie stecken möchte, ist noch eine ganz andere Frage.)